profil-Neurose

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Es ist nur ein sehr schwacher Trost für einen Freizeit-Waffenlobbyisten aus Deutschland, dass unsere Freunde in Österreich nicht minder unter hoplophoben QualitätsjournalistInnen zu leiden haben. Der „profil“-Artikel „Österreichs Waffenlobby: Schützen-träume“ ist so ein Musterbeispiel linker Meinungsmache.

In der gewohnten, auch aus den deutschen Medien nur zu gut bekannten, überheblich-selbstgerechten Leier, garniert mit halbgaren „Fakten“ und viel erhobenem Zeigefinger versucht man die Leserschaft auf die gewünschte Antiwaffenmentalität hin zu konditionieren.

Georg Zakrajsek ist ein umtriebiger Mann. Neben seinem Job als Notar fungiert er als Chef der selbst ernannten Waffenlobby „Interessengemeinschaft Liberales Waffenrecht in Österreich“ (IWÖ), gibt vierteljährlich deren Mitgliedszeitschrift heraus und führt ein Internet-Tagebuch. Während Zakrajsek seine Zeitungsartikel in reinstem Juristendeutsch verfasst, bricht in seinem Blog „Querschüsse“ aus ihm heraus, was er wirklich denkt: „Volk ans Gewehr!“ heißt es da und: „Trotteln vor den Vorhang!“ Damit meint er Journalisten, die nach dem Amoklauf in der US-Stadt Newtown schärfere Gesetze forderten.

So etwas aber auch. Journalisten, die nach dem Amoklauf eines Irren mit von der ermordeten Mutter gestohlenen Waffen reflexartig schärfere Gesetze fordern, darf man natürlich nicht als „Trottel“ bezeichnen. Das geht wirklich nicht. „Volltrottel“ wäre die passendere Wortwahl gewesen.

Wobei das natürlich auch nicht stimmt. Journalisten, die ihren Job ernst nehmen, berichten Fakten und überlassen es ihren Lesern, sich eine Meinung zu bilden. Die Volltrottel, die sich in Wirklichkeit als Tugendwächter aufspielen und sich höchstens selbst als „Journalisten“ bezeichnen, sollten sich lieber Neo-Jakobiner nennen. Das träfe die Sache schon eher. Doch zurück zum „profil“:

Viel zu lobbyieren gibt es nicht für den österreichischen Waffenfreund. Schon lange mache die EU die Regeln, so Zakrajsek. Die Richtlinie aus dem Jahr 2008, derentwegen Jäger, Schützen und Sammler zur europaweiten Waffenregistrierung antreten müssen, gilt hierzulande seit vergangenem Oktober. Dagegen seien sowohl die frühere Innenministerin Maria Fekter (ÖVP) als auch er machtlos gewesen. Zakrajsek dürfte es gar nicht probiert haben. An Interventionen der IWÖ kann man sich in EU-Kreisen nicht erinnern – sehr wohl aber an die österreichischen Jagdverbände, die während der Verhandlungen 2008 in Brüssel aufmarschierten.

Irgendwie hatte ich das, zwar dunkel, aber anders in Erinnerung. Schnell unter den Suchbegriffen „IWÖ Kallenbach“ gegooglet und einer der ersten Treffer verweist auf die Ausgabe „4/07 Winter 2007 Folge 42“ der IWÖ-Verbandszeitschrift. Und da steht allerhand zu den Aktivitäten drin, die die IWÖ hinsichtlich der EU-Waffenrichtlinie seinerzeit gestartet hat. Auch sonst ist die Publikation äußerst lesenswert und viele Themen aktueller denn je, aber das nur am Rande.

Jedenfalls, zurück zur profil-Neurose, läppische sechs Jahre später können sich die EU-Bürokraten schon nicht mehr daran erinnern, mit wem sie alles über was gesprochen haben. Wo sich doch die EU sonst an alles erinnert, wenn man von solchen Lappalien wie den einstmals beschlossenen Euro-Stabilitätskriterien und anderer, völlig unbedeutender Sachen absieht.

Da trifft es sich gut, dass ein vermeintlicher Vertreter von Kriminalitätsopfern, diese Funktion hat der „Weiße Ring“ jedenfalls in Deutschland, den Tätern das Wort redet:

Udo Jesionek, Präsident des Weissen Rings, findet es absurd, sich in einem so sicheren Land wie Österreich selbst verteidigen zu wollen. Eine Waffe erhöhe automatisch das Risiko, diese auch zu benutzen. „Den Abzug einer Pistole zu drücken ist leichter, als mit einem Messer zuzustechen oder jemanden zu würgen“, sagt Jesionek.

Nun, zumindest in Deutschland ist das Tatmittel Nummer eins mit weitem Abstand das gemeine, hundsgewöhnliche, stinknormale Messer. Ob die unzähligen Opfer von Messerstechern dem Herrn Jesionek zustimmen würden, dass man leichter den Abzug drückt, als zusticht?

Aber wo kämen wir hin, wenn Opfer in der Lage wären, sich zu verteidigen. Das geht doch nicht, dem armen Verbrecher könnte ja ein Leid geschehen.

Auch viele Studien widerlegen die Selbstverteidigungstheorie. Nach einem Amoklauf in Mauterndorf im Lungau, bei dem ein Mechaniker sechs Menschen tötete und anschließend sich selbst, wurden in Österreich 1997 die Waffengesetze verschärft. Seither ging die Zahl der Waffensuizide um 26 Prozent, jene der Morde mit Schusswaffen gar um 67 Prozent zurück.

Und, wo sind diese vielen Studien? Wer hat sie für wen erstellt, wer hat wen dafür bezahlt?

Wie hat sich die Gesamtzahl der Suizide entwickelt? Gab es weniger Selbstmorde oder blieb die Zahl gleich und es gab nur eine Verschiebung von einer zur anderen Selbsttötungsart?

Ein in den Raum gestellter Prozentwert hat doch überhaupt keine Aussagekraft, wenn die absoluten Zahlen, die dazu in Relation gesehen werden müssen, nicht genannt werden. Gleiches gilt für die Schusswaffenmorde.

Dem Opfer ist das Tatmittel ohnehin wurscht, toter als tot geht nun mal nicht.

Die Kriminalitätsraten lösen trotzdem Beklemmung aus. 947-mal musste die Polizei 2011 wegen Delikten ausrücken, bei denen Schusswaffen im Spiel waren. 17 Menschen wurden erschossen, 550 mit einer Schusswaffe bedroht.

Auch hier das gleiche Spiel: Dem Leser werden ein paar Zahlen hingeschmissen, die Bezugsgrößen bleibt man schuldig. Wie viele Menschen wurden insgeamt Opfer von Tötungsdelikten, wie hoch war der Anteil illegaler Waffen, wie oft konnte sich rechtstreue Bürger dank einer Schusswaffe gegen einen rechtswidrigen Angriff erfolgreich zur Wehr setzen – auch hier schweigt man.

Etwas Gutes hat so ein Artikel aber: Er zeigt uns deutlich vor Augen, dass die „Waffenlobby“ in Österreich, vor allem aber auch in Deutschand, noch viel zu wenig die betroffenen Jäger, Schützen, Sammler und sonst vom Waffenrecht betroffenen Bevölkerungsgruppen mobilisieren konnte.

Wenn die im Artikel genannten Zahlen zutreffen, gehören der IWÖ 4.000 – 5.000 Mitglieder an. Demgegenüber hat in Deutschland das Forum Waffenrecht nur ca. 30.000 Mitglieder, Pro Legal dürfte sich bei etwa 6.000 bewegen. Setzt man die Einwohnerzahlen von Deutschland und Österreich ins Verhältnis, müssten in Deutschland mindestens 60.000 Waffenbesitzer in einer Lobbyorganisation engagiert sein, um wenigstens die Quote unseres Nachbarlands zu erreichen.

Zum Vergleich: Die „Grünen“ in Österreich verfügen laut Wikipedia über 4.600 Mitglieder, die deutschen Grünen kommen auf ca. 60.000.

Und diese 60.000 Hanseln dominieren in Deutschland seit Jahren das politische Geschehen und geben von Atom-Ausstieg über Gender-Mainstreaming bis zur Volksentwaffnung die Themen und Ziele vor.

Kaum auszudenken, was wir bewegen könnten, wenn es uns gelänge, unser Potenzial auch nur zu sechs oder acht Prozent zu mobilisieren.

Links zum Thema:
Dagarser – Weblog von Richard Temple-Murray
Querschüsse – Weblog von Dr. Georg Zakrajsek
IWÖ – Interessengemeinschaft liberales Waffenrecht in Österreich

4 Antworten auf „profil-Neurose“

  1. Ich kenne viele Studien, die genau das Gegenteil belegen: eine Schusswaffe ist ein hervorragendes Werkzeug zur Selbstverteidigung. In den meisten Fällen reicht bereits das Drohen (auch wenn es nur ein Gas/Softairwaffe ist).

    Nicht umsonst kommt das Wort Schützen von Schutz.

    Waffen werden 1000x öfter zum Schutz erworben statt für einen Angriff/geplantes Verbrechen.

  2. Hallo Benedikt,

    darf ich für diese Art von Journalismus und Politik den Begriff „Maleficmus“ einführen?

    Vielleicht sollte wir eine ebensolche Diskussion mal lostreten …

    ————————————————–

    Maleficmus:

    (abgeleitet von Maleficium = Schadenszauber;
    gesprochen Malefismus)

    Eine politische Strategie, die versucht
    durch Erringen der Definitionshoheit in Bezug
    auf Sprache und Handlungen des alltäglichen Lebens,
    den politischen Gegner in Wahrnehmung und Denken
    der Bevölkerung zu diskreditieren und so zu bekämpfen.

    Es ist die Wegbereitung für die
    offene und gewalttätige Verfolgung
    von (politisch) Andersdenkenden.

    Siehe dazu auch:

    http://www.lyrikecke.de/frame.php?http://www.lyrikecke.de/linkliste/lyrikshow.php?art=na&gi=246422&ai=106511

    Das macht es etwas „plastischer“ …

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